Das ist die Geschichte eines Antiquitätenladens.
Hier bedient Bettina, 24 Jahre alt. Bettina ist eine hübsche Frau, aber sie ist auch allein.
Das kommt daher, da sie nie großartig ausgeht.
Eines Tages nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Bettina störte sich mal wieder vorm Spiegel, wobei ihr diesmal ein älterer Herr im Rücken zusah.
Er suchte etwas bestimmtes und hoffte es hier zu finden.
Was Bettina nicht wusste, dass der Mann gestern schon einmal hier war.
Der alte Mann war in Wirklichkeit einsam. Er suchte keinen Gesprächspartner, sondern eine Frau, so wie Bettina einen Mann.
Bettina erschrak, als sie bemerkte das jemand hinter ihr stand. Freundlich drehte sie sich um. Bettina war auch allein und freute sich über jede Kundschaft. „Was kann ich für sie tun?“, fragte sie. „Ich suche ein besonderes Geschenk für meine Tochter“,
antwortete der Mann. „Sie wird heute vierundzwanzig Jahre alt und ich, ich habe noch kein Geschenk.“ Bettina überlegte kurz. „Ich habe hier einen schönen Bilderrahmen, er kommt aus Spanien und ist ein Mitbringsel einer meiner früheren Bekanntschaften“, sagte sie schließlich und zeigte in die Richtung.
Der Mann kam näher und betrachtete das Stück. Dann drehte er sich um. „Ich habe zwei Scheine bei mir“, grinste er. Es waren zwei 20,-Euro Scheine und reichte sie rüber.
„Abgemacht“, lachte Bettina. Der Mann verabschiedete sich und sagte noch: „Heute
Abend gibt meine Tochter eine große Party, wenn sie Lust haben, hier ist die Adresse.“
Der restliche Tag verging schnell. Eigentlich war es schon wieder dunkel. Bettina hatte wirklich noch Lust, heute Abend einen drauf zu machen. Ein netter alter Kerl, eine vernünftige Tochter und ein Supergeschenk. Mit dieser Einstellung fuhr sie im Taxi zu der angegebenen Adresse.
Gut gelaunt stieg sie aus, bezahlte und betrachtete das Wohnhaus. Genauer gesagt ein Hochhaus. Sie klingelte zweimal, und irgendjemand öffnete.
Neunter Stock, zwei Fahrstühle. Einer war gerade unten und sie stieg ein. Plötzlich
kamen ihr Zweifel. Eine Geburtstagsparty im neunten Stock bei wildfremden Menschen.
Doch die Aufregung legte sich schnell, als der Aufzug hielt.
Die Wohnungstür stand leicht angelehnt offen. Bettina öffnete. Arme Dekoration, dachte sie, für einen armen Menschen.
Keine Party und keine Tochter die vierundzwanzig wird. Bettina begriff ganz langsam, dass
das eine Falle war. Der Mann verriegelte die Tür. Er stand auf einmal hinter ihr.
Wahrscheinlich stand er schon die ganze Zeit hinter der Tür. Bettina hatte Angst.
Zu Recht, denn der Mann hielt ihr inzwischen einen Revolver gegen die Schläfe.
Bettina weinte und flehte: „Bitte tun sie mir nichts.“
Der Mann zwang sie in das Wohnzimmer und drückte sie auf eine Couch.
„Hast du Angst?“, wollte er wissen. „Klar hab ich Angst“, schluchzte Bettina.
„Klar“, wiederholte der Mann, „ich auch. Ich habe seit fünf Jahren Angst. Jeden Tag,
jede Minute, Jahr für Jahr. Ich habe Angst das mich keine Frau mehr liebt, hier sieh hin,
dass ist meine Frau. Sie ist vor fünf Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben.“
Bettina blickte auf ein Foto. Die Fotografie einer Frau, die es verdiente Ehefrau zu
sein - bot sich Bettinas Anblick. „Ich bin seitdem allein“, sagte der Mann,“ und da ich
keiner Frau Gewalt antun kann, gehen Sie, gehen Sie und genießen sie ihr junges Leben.“
Das brauchte nur einmal gesagt werden. Bettina eilte zum Fahrstuhl und brauste neun
Stockwerke hinunter. Unten angekommen rannte sie so schnell es ging zur Bushaltestelle
und winkte abermals ein Taxi. „Am alten Ufer, Antiquitätenladen, Hausnummer 10,“, sagte sie aufgewühlt.
Ein wenig später war Bettina zu Hause.
Sie grübelte, ob sie den Vorfall der Polizei melden sollte. Eigentlich war nichts vorgefallen,
außer Freiheitsberaubung, Bedrohung mit einer Waffe und Belästigung. Aber nein,
nein schüttelte sie den Kopf. Kein Richter würde ein Urteil fällen, das den Mann einsperrt.
Die Geschworenen würden sagen, er ist nicht vorbestraft und hat außerdem niemanden verletzt. Vielleicht müsste er eine Geldbuße bezahlen, mehr aber nicht. So ließ sie von der Anzeige ab.
Ein Jahr später, also heute, steht Bettina immer noch im Antiquitätenladen und bedient. Manchmal fragt sie sich vor dem Spiegel, na bist du jetzt glücklich, das du deine Zukunft die inzwischen vergangen ist, kennengelernt hast? Darauf gab es nur eine Antwort: Glücklich schon, aber allein.
So endet diese Geschichte hier und der alte Mann hatte ein Stück aus guter alter Vergangenheit bei sich in der Wohnung zu hängen.